Bd. 55 (2026) Aktuelle Ausgabe

Veröffentlicht Juli 6, 2026

issue.tableOfContents6a565c7464465

Sprachwissenschaft

  • Kognitive Modelle des Konzepts „Normalität“
    Views:
    56

    Die vorliegende Studie untersucht das Konzept der „Normalität“ im zeitgenössischen russischen öffentlichen Diskurs der letzten Jahrzehnte unter Bedingungen der Unsicherheit normativer Orientierungen. Im Unterschied zu der zuvor analysierten Konstruktion „neue Normalität“, die eine ausgeprägt markierte und metasprachliche Funktion aufweist, fungiert „Normalität“ vorwiegend als eine Hintergrundkategorie kognitiv-diskursiver Art und dient als Instrument der Bewertung und Kategorisierung. Das Untersuchungsmaterial basiert auf Daten des RuTenTen-Korpus. Die methodologische Grundlage bildet die kognitiv-diskursive Analyse, die auf die Identifikation typischer Gebrauchsmuster und die Rekonstruktion der konzeptuellen Struktur abzielt. Im Ergebnis werden zentrale kognitive Modelle des Konzepts „Normalität“ herausgearbeitet, darunter räumliche, skalare, prozessuale und institutionelle Metaphern sowie Modelle der Maskierung, Simulation und axiologischen Inversion.

  • Linguistische Analyse der Entwicklung des Begriffs „Greenwashing“ aus der Perspektive der Variologie
    Views:
    32

    Im Artikel wird das variologische Potenzial des ökologischen Terminus-Neologismus „Greenwashing“ untersucht. Auf der Grundlage der Analyse von Medienkontexten und verschiedener Korpusplattformen werden die wichtigsten Typen der Variabilität (graphische, morphologische und syntaktische) aufgezeigt. In Abhängigkeit vom Kontext wird auch die semantische Variabilität dargestellt. Besondere Aufmerksamkeit wird auf den Prozess der Determinologisierung unter den Bedingungen der Medialisierung wissenschaftlichen Wissens gelegt.

Literaturwissenschaft

  • Das Bild Europas in Nikolai Karamsins „Briefen eines russischen Reisenden“
    Views:
    28

    „Russland oder Europa?“ Nikolai Michailowitsch Karamsin unternahm eine Reise nach Westeuropa und verfasste unterwegs Reiseberichte über seine Eindrücke. In der russischen Literatur gab es bereits vor Karamsin Reiseberichte, die Pilger- oder Handelsreisen zum Thema hatten, doch im 18. Jahrhundert lag der Schwerpunkt auf der Aufklärung und der Beschreibung der nationalen Charaktere der westeuropäischen Völker. Wie nimmt der russische Reisende die Einwohner westeuropäischer Länder wahr? Wie beschreibt er Vertreter westlicher Nationen? Worauf achtet er bei seiner Ankunft in einer fremden Stadt? Der Autor dieses Artikels versucht, diese Fragen zu beantworten.

  • Über die Funktionen der Figur der narrativen Metalepse in den Erzählungen der „alten Schrift“
    Views:
    24

    Dieser Artikel, der sich auf die Werke russischer Schriftsteller der „alten Schule“ stützt, analysiert die Funktionen der Erzählfigur der Metalepse. Der Artikel hebt Unterschiede zwischen zwei Arten von Metalepse hervor: rhetorisch und ontologisch. Dann wird eine Übersicht über die Typologie der Metalepse-Funktionen gegeben, die in diegetische und exegetische Funktionen unterteilt sind. Diegetische Funktionen umfassen die Funktion, narrative Formen von Analepse und Prolepse in ein Narrativ einzugeben, sowie eine transitive Funktion, d. h. die Funktion, ein Narrativ von einer diegetischen Linie zur anderen zu wechseln. Eine gesonderte Funktion der Metalepse ist die exegetische Funktion, die für beide Arten der Metalepse gleich ist.

  • Das Panpsyche-Drama „Requiem“ von Leonid Andrejew
    Views:
    32

    Der Artikel beleuchtet die Rolle von Leonid Andrejews Werk bei der Entstehung des neuen Dramas in Russland und zeigt anhand einer Analyse des Stücks „Requiem“ die genre- und formspezifischen Besonderheiten der Pansychie-Dramen auf. Der Autor des Artikels hebt hervor, dass Andrejews Panpsyche-Drama ein bahnbrechendes Experiment ist, das zeigt, wie weit die Ausweitung des Begriffs des dramatischen Genres gehen kann. Der Text des panpsychischen Dramas beweist, dass die Ereignishaftigkeit, die zuvor als eines der Hauptkriterien des Dramas galt, im neuen Drama keineswegs von zentraler Bedeutung ist. Auf diese Weise nimmt die Häufigkeit äußerer Ereignisse ab, während gleichzeitig die Bedeutung innerer Ereignisse zunimmt und die Rolle mentaler und psychologischer Ereignisse wird stärker. Andererseits enthält Andrejews dramatischer Text bereits die Tendenz zu einer Verarmung der referenziellen Funktion der künstlerischen Sprache, und zum ordnenden Prinzip in der Struktur des Dramas wird die Tendenz zur Eigenständigkeit der Tropen. Diese Phänomene verleihen Andrejews panpsychischem Drama eine besondere Bedeutung auf dem Weg zu einem zeitgenössischen Verständnis des neuen Dramas.

     

  • Litvins als mittelalterliche baltisch-slawische Volksgruppe in Kastusʹ  Tarasaus Roman „Die Jagd nach Grunwald“
    Views:
    40

    In der Belletristik jedes Volkes nehmen ethnisch geprägte Figuren, die auf stereotypen Vorstellungen über verschiedene Völker basieren, einen wichtigen Platz ein. Dabei können Kunstwerke nicht nur Bilder von Vertretern moderner Nationen zeigen, sondern auch von heute verschwundenen und manchmal sogar nie existierenden Ethnien. Mit dieser Problematik befasst sich eine spezielle literaturwissenschaftliche Disziplin – die Imagologie. In der zeitgenössischen belarussischen Literatur nimmt der Ethnotyp des Litvin eine wichtige Stellung ein, der ein aktueller Bestandteil einiger Typen der modernen belarussischen Identität ist. Besonders deutlich ist seine Präsenz in Werken mit historischer Thematik. Einer dieser für die nationale Literaturtradition bedeutenden Texte ist der Roman „Die Jagd nach Grunwald“ (1986) von Kastusʹ  Tarasaŭ, der thematisch der Schlacht bei Grunwald im Jahr 1410 zwischen den vereinten Truppen Polens und Litauens und den Kreuzrittern des Deutschen Ordens gewidmet ist. In diesem Werk nimmt das Imago des Litvin eine recht deutlich ausgeprägte Position als Selbstbild ein, das zur Beschreibung des eigenen Volkes und der eigenen Heimat in der Vergangenheit dient, gegenüber dem die Figuren aller anderen Nationalitäten als Heterobilder positioniert sind. Bei Kastusʹ  Tarasaŭ sind die Litauer eine slawischsprachige Ethnie gemischter baltisch-kriwitscher Herkunft, die konfessionell diversifiziert ist (Katholiken, Orthodoxe, Heiden) und deren Vertreter die militärisch-politische Elite des Großfürstentums Litauen bilden. Der Autor schreibt ihnen folgende Eigenschaften zu: mutig, streng, grausam, stur, hartnäckig, wild, unbesonnen, kurzsichtig, unvernünftig. Diese Eigenschaften entsprechen nicht ganz den aktuellen stereotypen Vorstellungen, die die heutigen Belarussen von sich selbst haben und die sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts herausgebildet haben.

Kulturwissenschaft

  • Sprachliche Organisation des visuellen Textes in W. Kamenskis „Stahlbetongedichten“: Eine intermediale Analyse des Gedichts „Der Palast von S.I. Schtschukin“
    Views:
    34

    Der Artikel widmet sich der Analyse der visuell-poetischen Struktur der „Stahlbetongedichte“ von Wassili Kamenski auf dem Material des Gedichts „Der Palast von S.I. Schtschukin“. Im Zentrum der Studie stehen Kompositionsprinzipien, die lexikalische und grammatische Organisation und die typografischen Merkmale des Textes im Kontext der Ästhetik des russischen Kubofuturismus. Die Verwendung eines intermedialen Ansatzes ermöglicht es, Verbindungen zwischen poetischen Elementen und Gemälden aus der Sammlung von S.I. Schtschukin aufzudecken. Das Gedicht wird als Modell des Museumsraums interpretiert, in dem der Text als ein System von Ausstellungszonen fungiert. Die Dominanz des Nominativprinzips, die Reduktion der verbalen Formen und der synästhetische Charakter der Bildgebung wurden festgestellt. Es wird gezeigt, dass die Typografie eine sinnbildende Funktion erfüllt, indem sie die visuell-räumliche Organisation des Textes bestimmt.

  • Stille als strukturelle Präsenz: Eine theoretische Untersuchung des Films „Oaza“ (‚Oase‘) von Ivan Ikić in einer filmischen Rahmung des Minimalistischen Programms von Noam Chomsky
    Views:
    42

    Diese Studie bietet eine formal-analytische Lesart des Films Oaza (‚Oase‘, 2020)  von Ivan Ikić innerhalb eines interdisziplinären Rahmens, der filmtheoretische Ansätze mit dem Minimalistischen Programm von Noam Chomsky verbindet. Ausgehend von zentralen Konzepten des Minimalistischen Programms – wie der Unterscheidung zwischen Phonologischer Form (PF) und Logischer Form (LF), dem Prinzip der derivationalen Ökonomie sowie der Kopientheorie der Bewegung – argumentiert der Beitrag, dass filmische Stille in Oaza nicht als Abwesenheit, sondern als strukturell lizenzierte Form der Nicht-Externalisierung zu verstehen ist. In diesem Sinne funktioniert Stille analog zu syntaktischen Spuren: Elemente, die keine phonologische Realisierung aufweisen, jedoch interpretativ wirksam bleiben. Anhand der Analyse der Verhörszene und der Schlusssequenz zeigt der Beitrag, wie die Suspendierung von Sprache und die Einschränkung expressiver Mittel die interpretative Verantwortung auf den Zuschauer verlagern. Bedeutung entsteht nicht durch explizite Artikulation, sondern durch strukturierte Abwesenheit und eingeschränkten Zugang. Der Film erweist sich somit als ein derivationales System, in dem Auslassung kein Defizit, sondern eine Bedingung der Interpretation darstellt, gesteuert durch Prinzipien der Ökonomie und der Schnittstelleninteraktion.

  • Der Chirurg und die Chirurgie in der Filmpoetik des „Tauwetters“
    Views:
    41

    In den Filmen der Tauwetter-Periode nimmt die Figur des Arztes eine besondere Stellung ein. Er repräsentiert den moralischen Maximalismus der Generation der „Sechziger“ („Schestidesjatniki“) sowie das neue Verhältnis zu Gesundheit und dem menschlichen Körper. Zugleich wird er zu einer der zentralen Heldenfiguren dieser Epoche. Der Arzt erscheint als wortkarger und entschlossener Intellektueller, der den „Hauptschädlingen des gesellschaftlichen Lebens“, den Bürokraten und Spießbürgern, entgegentritt. Dabei bewahrt diese Figur eine ausgeprägte soziale Distanz (sie hat ein ungeordnetes Privatleben, ist verschlossen, schroff und unnachgiebig). Innerhalb der medizinischen Disziplinen nimmt die Chirurgie eine führende Position ein. Komplexe chirurgische Eingriffe bilden in zahlreichen Tauwetter-Filmen Momente höchster dramatischer Spannung. In dem Beitrag werden die künstlerischen Projektionen dieses medizinischen Fachgebiets auf Grundlage der folgenden Filme untersucht: „Das Herz schlägt wieder“ (1956, Regie: A. Room), „Mein lieber Mann“ (1958, Regie: I. Cheifiz), „Kollegen“ (1962, Regie: A. Sacharow) und „Grad des Risikos“ (1968, Regie: I. Awerbach). Untersucht werden auch semantische und visuelle Variationen des chirurgischen Motivs in Kriegsfilmen dieser Zeit sowie die Eigenart der Figur des Chirurgen im regionalen sowjetischen Kino (die baltischen Länder und Zentralasien). Dabei wird versucht, die Transformation der zentralen ideologischen Phasen des Tauwetters nachzuzeichnen: von Filmen über „Umerziehung“ und das „Finden des richtigen Weges“ über einen pathetischen, „rousseauistischen Realismus“ bis hin zu Chirurgen „hamletischen“ Typs im Kino der späten 1960er Jahre.

  • Der Moskauer Alltag in sowjetischen Komödien der 1960er–1980er Jahre
    Views:
    23

    Der Artikel widmet sich der Repräsentation des Alltags in sowjetischen Filmkomödien der 1960er bis 1980er Jahre. Gegenstand der Analyse ist ein Korpus von neun Filmen: „Erwachsene Kinder“ (1961), „Leichtes Leben“ (1964), „Bitte, das Beschwerdebuch“ (1965), Literaturstunde“ (1968), „Ironie des Schicksals oder Genießen Sie Ihr Bad!“ (1975), „Mimino“ (1977), „Aus familiären Gründen“ (1977), „Büroromanze“ (1977) und „Die Charmanteste und Attraktivste“ (1985).  Die Methodologie der Untersuchung basiert auf der Verbindung zweier sich ergänzender Ansätze: der Soziologie des Alltäglichen im Konzept von Michel de Certeau und der phänomenologischen Poetik des Raumes von Gaston Bachelard. Das Konzept der Taktiken und Strategien bei de Certeau ermöglicht es, die Mechanismen der Anpassung des sowjetischen Stadtbewohners an die Strukturen des Systems zu beschreiben, während Bachelards Poetik die Möglichkeit eröffnet, Interieur, Dingwelt und Wohnraum als Bildsymbole zu lesen, die im Gedächtnis und in der Imagination verwurzelt sind. Der Artikel zeigt, dass die sowjetische Filmkomödie des betrachteten Zeitraums nicht als degeneriertes Genre verstanden werden kann, sondern als besondere ästhetische Form, die mit dem italienischen Neorealismus verbunden ist und eine eigene Sprache der Repräsentation des Alltags hervorgebracht hat. Moskau erscheint in den analysierten Filmen nicht als neutraler topographischer Hintergrund, sondern als sinnstiftender Raum, in dem sich die tiefgreifenden Transformationen der spätsowjetischen Gesellschaft manifestieren: der Generationenkonflikt, die Krise des Öffentlichen und Privaten sowie die Paradoxien der Vereinheitlichung des urbanen Raums. Die Filmkomödie wird als Archiv sozialer Taktiken und zugleich als Text-Raum betrachtet, in dem das Soziale und das Symbolische untrennbar miteinander verflochten sind.

  • Demografisches Profil von Migranten aus dem sowjetischen und postsowjetischen Raum in Ostungarn: Eine vorläufige Analyse von Fragebogendaten
    Views:
    43

    Migration begleitet die Menschheit seit jeher und prägt Kulturen, Wirtschaft und Sozialstrukturen in verschiedenen Regionen. Diese Studie untersucht das demografische Profil von Migranten aus sowjetischen und postsowjetischen Staaten in Ostungarn. Im Fokus stehen Geschlecht, Alter, Migrationsdauer und geografische Herkunft. Diese Merkmale geben Aufschluss über die Mechanismen der Anpassung und die Weitergabe kultureller Praktiken zwischen den Generationen in lokalen Diaspora-Gemeinschaften. Methodisch dient das demografische Profil als Grundlage für zukünftige Stichprobenstrategien und Mixed-Methods-Studien. Praktisch trägt es zur lokalen Wahrnehmung bei, indem es die für die Bevölkerung wichtigsten Formen sozialer und sprachlicher Unterstützung identifiziert. Die Ergebnisse sind vorläufig, liefern aber wertvolle Informationen zum Verständnis regionaler Migrationsdynamiken und zur Konzeption weiterer groß angelegter Studien.

Wissenschaftliche Kritik