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  • Der Chirurg und die Chirurgie in der Filmpoetik des „Tauwetters“
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    In den Filmen der Tauwetter-Periode nimmt die Figur des Arztes eine besondere Stellung ein. Er repräsentiert den moralischen Maximalismus der Generation der „Sechziger“ („Schestidesjatniki“) sowie das neue Verhältnis zu Gesundheit und dem menschlichen Körper. Zugleich wird er zu einer der zentralen Heldenfiguren dieser Epoche. Der Arzt erscheint als wortkarger und entschlossener Intellektueller, der den „Hauptschädlingen des gesellschaftlichen Lebens“, den Bürokraten und Spießbürgern, entgegentritt. Dabei bewahrt diese Figur eine ausgeprägte soziale Distanz (sie hat ein ungeordnetes Privatleben, ist verschlossen, schroff und unnachgiebig). Innerhalb der medizinischen Disziplinen nimmt die Chirurgie eine führende Position ein. Komplexe chirurgische Eingriffe bilden in zahlreichen Tauwetter-Filmen Momente höchster dramatischer Spannung. In dem Beitrag werden die künstlerischen Projektionen dieses medizinischen Fachgebiets auf Grundlage der folgenden Filme untersucht: „Das Herz schlägt wieder“ (1956, Regie: A. Room), „Mein lieber Mann“ (1958, Regie: I. Cheifiz), „Kollegen“ (1962, Regie: A. Sacharow) und „Grad des Risikos“ (1968, Regie: I. Awerbach). Untersucht werden auch semantische und visuelle Variationen des chirurgischen Motivs in Kriegsfilmen dieser Zeit sowie die Eigenart der Figur des Chirurgen im regionalen sowjetischen Kino (die baltischen Länder und Zentralasien). Dabei wird versucht, die Transformation der zentralen ideologischen Phasen des Tauwetters nachzuzeichnen: von Filmen über „Umerziehung“ und das „Finden des richtigen Weges“ über einen pathetischen, „rousseauistischen Realismus“ bis hin zu Chirurgen „hamletischen“ Typs im Kino der späten 1960er Jahre.

  • Stille als strukturelle Präsenz: Eine theoretische Untersuchung des Films „Oaza“ (‚Oase‘) von Ivan Ikić in einer filmischen Rahmung des Minimalistischen Programms von Noam Chomsky
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    Diese Studie bietet eine formal-analytische Lesart des Films Oaza (‚Oase‘, 2020)  von Ivan Ikić innerhalb eines interdisziplinären Rahmens, der filmtheoretische Ansätze mit dem Minimalistischen Programm von Noam Chomsky verbindet. Ausgehend von zentralen Konzepten des Minimalistischen Programms – wie der Unterscheidung zwischen Phonologischer Form (PF) und Logischer Form (LF), dem Prinzip der derivationalen Ökonomie sowie der Kopientheorie der Bewegung – argumentiert der Beitrag, dass filmische Stille in Oaza nicht als Abwesenheit, sondern als strukturell lizenzierte Form der Nicht-Externalisierung zu verstehen ist. In diesem Sinne funktioniert Stille analog zu syntaktischen Spuren: Elemente, die keine phonologische Realisierung aufweisen, jedoch interpretativ wirksam bleiben. Anhand der Analyse der Verhörszene und der Schlusssequenz zeigt der Beitrag, wie die Suspendierung von Sprache und die Einschränkung expressiver Mittel die interpretative Verantwortung auf den Zuschauer verlagern. Bedeutung entsteht nicht durch explizite Artikulation, sondern durch strukturierte Abwesenheit und eingeschränkten Zugang. Der Film erweist sich somit als ein derivationales System, in dem Auslassung kein Defizit, sondern eine Bedingung der Interpretation darstellt, gesteuert durch Prinzipien der Ökonomie und der Schnittstelleninteraktion.

  • Die Transformation des Lagerthemas in Sergej Lebedews Roman „Die Grenze des Vergessens“
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    Sergej Lebedews Roman Die Grenze des Vergessens stellt eine originelle Weiterentwicklung der Tradition der russischen Lagerliteratur dar. Im Zentrum des Werks stehen das Erbe des stalinistischen Terrors, die transgenerationale Weitergabe von Traumata sowie die Notwendigkeit eines bewussten Widerstands gegen deren Folgen. Der vorliegende Beitrag untersucht, wie der Autor – gestützt auf das Konzept der Postmemory – persönliche Familiengeschichte mit Fragen kollektiver Erinnerung verknüpft und dabei die zerstörerischen Auswirkungen des Verschweigens der Vergangenheit sowie das Fehlen von Verantwortung für vergangenes Unrecht thematisiert. Im Mittelpunkt der Interpretation steht die Analyse der Reise des Erzählers durch Raum, Zeit und Selbst(er)kenntnis, gelesen im Lichte des mythologischen Motivs des Abstiegs (Katabasis). Eine zentrale Rolle innerhalb der Initiationsstruktur spielt das Begräbnisritual: Die symbolische Bestattung und die Trauer um spurlos verschwundene Opfer werden zu einem Akt der Wiederherstellung von Erinnerung, der die Möglichkeit zur Versöhnung und zu einem Neubeginn eröffnet. Lebedew setzt sich kritisch mit der gegenwärtigen russischen Erinnerungspolitik auseinander und betont die moralische Verpflichtung, die traumatische Vergangenheit offenzulegen und zu thematisieren.